ASBH Bereich Hamburg e.V.

Gemeinsamkeit macht Mut



Zum Schmunzeln: Erlebnis in der Nordseeklinik

Eine nette Geschichte

Es ist schon einige Jahre her, aber noch heute erinnere ich mich gerne daran und die Geschichte lässt mich schmunzeln und erwärmt mein Herz….

Es sollte wieder einmal so sein, wie es immer ist, wenn man es nicht braucht. Ihr versteht schon, was ich meine oder auch nicht!

Es ist ein Samstagvormittag, wir sind dabei in aller Ruhe und Zufriedenheit den üblichen Gang des Katheterisierens zu gehen und … es kommt kein Urin sondern nur noch ein ziemlich unschönes Geflöss, was eher an Vanilleeis (nett umschrieben) erinnert als an eine sprudelnde Quelle und … wir befinden uns natürlich nicht zu Hause, sondern sind im Urlaub auf Sylt.

Sofort steigt die übliche Panik in uns auf und wir beratschlagen, wohin wir mit unserem Problem am besten gehen könnten. Diese Furcht bleibt selbstverständlich auch N. nicht verborgen , obwohl wir uns sicher sind, dass wir uns gut im Griff haben. Kinderärzte gibt es auf Sylt nicht unbedingt viele und davon haben die wenigsten, - um es genau zu nennen - gar keiner an einem sonnigen Samstagmorgen geöffnet.

Es bleibt nur der Weg in die Nordseeklinik. Bei dem Wort „Klinik“ werden bei N. sämtliche Erinnerungen wach und sie fängt ohne große Vorankündigungen an zu schreien. Das Schreien trägt nicht unbedingt dazu bei, uns ruhiger werden zu lassen, sondern bewirkt das Gegenteil, die gespielte Gelassenheit fällt von uns ab und wir machen uns hektisch und nervös auf den Weg zu diesem verhassten Gebäude. N. schreit und schreit und kann sich gar nicht beruhigen, sie ist sich einfach sicher, dass sie an diesem Ort des Schreckens eine lange, spitze, dünne Nadel in den Arm gerammt bekommt. Es hilft nichts, dass wir ihr mehrfach erklären, dies würde auf keinen Fall geschehen, und dass man sicherlich nur eine Urinprobe haben möchte, um danach eine Medizin aufzuschreiben.

Mit völlig verweinten Augen und kleinem vor sich hinzuckenden Körper kommen wir dort an und werden erst einmal in das Wartezimmer geschickt. Von außen können wir noch nicht erahnen, wie viele Menschen diesen Platz vor uns bereits aufgesucht haben. Es sind unzählige und es ist uns klar, dass wir noch einige Zeit hier verbringen werden. Wir finden noch 2 Stühle und N. kann sich mit ihrem Rolli auch zwischen uns drängen. Schweigend und missmutig starren alle vor sich hin. Langeweile und innere Unruhe sind deutlich zu spüren. Keiner sagt etwas und man kann sich auch nicht ablenken mit Lektüre, da einfach nichts in diesem Zimmer ist, was die Atmosphäre entschärfen würde. N. bleibt einige Zeit relativ ruhig neben uns sitzen, sie ist von der neuen Umgebung etwas abgelenkt und bestaunt die unterschiedlichen Gestalten. Plötzlich kommt ihre anfängliche Panik zurück und man sieht in ihrem Gesicht, dass sie kurz davor ist wieder zu weinen. Doch ehe wir uns recht versehen, macht sie sich auf den Weg und fährt zu ihrem Sitznachbarn. Sie stellt sich vor ihn hin und fragt mit ihrer leicht weinerlichen Stimme:“ Kriegst Du auch eine Spritze?“ Leichte Verunsicherung ob der plötzlich unterbrochenen Totenstille, in der man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören, versucht er im Flüsterton zu sprechen:“ Ich weiß es noch nicht!“ N., durch die erste Antwort ermutigt, traut sich daraufhin eine weitere Frage zu stellen :“ Warum bist du denn hier?“ Er:“ Ich habe große Bauchschmerzen, ich denke es ist etwas mit meinem Blinddarm, vielleicht muss ich operiert werden.“ Plötzlich und für alle Anwesenden unerwartet, schaltet sich der zu dessen Linken sitzende Nachbar ein mit den Worten:“ Oh, da sind Sie hier richtig, ich weiß, dass sie dies hier sehr gut operieren.“ Kaum sind diese Worte gesprochen, nimmt N. ihre Wanderung wieder auf und zieht in diesem kargen Zimmer weiter umher. Sie spricht nahezu jeden hier wartenden Patienten an und wie ein Wunder ist es auf einmal in diesem Raum nicht mehr ruhig und irgendwie bedrohlich, sondern es herrscht eine fast heitere Stimmung und eine Art Ausgelassenheit. Fast jeder hat mittlerweile einen Gesprächspartner gefunden und man tauscht sich aus, mit welchen Beschwerden und mit welchen Erwartungen man in dieses Krankenhaus gekommen ist.

B. und ich sitzen völlig verblüfft da und gucken uns dieses Schauspiel an. Uns ist noch gar nicht so richtig klar, was unsere kleine Maus mit ihrer großen Angst vor einer Spritze bewirkt hat. Was noch vor wenigen Minuten an eine Beerdigung erinnerte, wirkt jetzt wie ein Stelldichein unter Freunden.

N. hat inzwischen völlig vergessen, weshalb sie eigentlich hier ist. Die Zeit vergeht wie im Flu g und als wir endlich beim Arzt sind, hat sie gar keine Furcht mehr. Wie selbstverständlich hört sie zu, als der Arzt nach einer Urinprobe verlangt und zeigt keine Spur der Erleichterung als sie mit einem Rezept für ein Medikament abgespeist wird.

Wer hätte gedacht, dass wir solch einen netten heiteren Vormittag verbringen würden. Also, wenn Ihr einmal nichts vorhabt, dann geht doch einfach auf einen Samstagvormittag in ein Krankenhaus und setzt Euch dort in das Wartezimmer.

B.K.
September 2009