ASBH Bereich Hamburg e.V.

Gemeinsamkeit macht Mut



Die Welt verändern, Schritt für Schritt


Bundespräsident Joachim Gauck über eine neue Kultur des Miteinanders
Auszüge aus einem Essay von Joachim Gauck in chrismon spezial zum Reformationstag 2013, www.chrismon.de


Was macht uns stark? Anders gefragt: Was macht uns wehrhaft gegen Anflüge von Bequemlichkeit, Verdruss oder Angst? Warum gibt es Menschen, die selbst in schwierigen Momenten ein Lächeln im Gesicht haben – und andere, die sich scheinbar schon bei geringen Anlässen der Ohnmacht ergeben? Solange ich denken kann, treiben mich diese Widersprüche um. (…)

Und nun, mit über 70 Jahren, versuche ich all diese Antworten zu einem großen Bild zusammenzufügen. So viele Farben! Zu den kraftvollsten gehört die Erinnerung an einen Augenblick in diesem Frühjahr, als ich mit dem querschnittgelähmten Samuel Koch auf einer Bühne saß. Er sprach über das, was ihn trotz seines schweren Unfalls leben und weiterleben lässt. Seine Worte schwingen bis heute in mir nach.

Was macht uns stark? Es sind nicht die Attribute der vielzitierten Leistungsträger, dir mir dazu als Erstes einfallen. Die Stärke, die ich meine, ist Ausdruck einer Haltung. Sie wächst mit uns, wächst vor allem dann, wenn wir uns angenommen, handlungsfähig und gebraucht fühlen. Wissenschaftler haben dafür ein Wort geprägt – die Erfahrung der „Selbstwirksamkeit“. Das Beste an diesem Begriff ist die Tatsache, dass er nicht irreleitet in die Kategorie der vermeintlichen Nützlichkeit, die über Jahrhunderte so viele Gruppen – auch Menschen mit Behinderung – von gesellschaftlicher Teilhabe ausschloss oder marginalisierte. Selbstwirksam kann jeder sein, unabhängig von Alter, körperlicher oder geistiger Verfassung, von geschlechtlicher Identität und Orientierung, von Herkunft oder Religion. Selbstwirksamkeit braucht jedoch auch ein Gegenüber, mindestens einen Menschen, der hinsieht, zuhört, reagiert. Es macht uns stark, für andere eine Bedeutung zu haben. Das ist der Grund, weshalb Millionen Männer, Frauen und Jugendliche in Deutschland freiwillig engagiert sind und auch ohne Bezahlung, aus eigenem Antrieb viel Zeit und Energie für das Gemeinwohl aufbringen. Wenn man einen Vereinsvorstand, eine Lesepatin oder einen Arzt ohne Grenzen fragt, warum all das die Mühe lohnt, dann hört man fast immer die gleiche Antwort: Ich bin so froh, etwas beitragen zu können. (…)

Was macht uns stark? Sicher nicht die Betonung von Unterschieden, vielmehr der Versuch vernünftiger Kompromisse. (…) Allerdings sollten wir uns eingestehen, dass eine neue Qualität des Miteinanders manchmal mehr bedeutet, als selbst eine vitale Bürgergesellschaft wie unsere von heute auf morgen zu leisten imstande ist. Gerade bei den Langzeitvorhaben, die wir nur als große Gemeinschaft bewältigen können, kommt es auf individuelle Haltung an. Wenn beispielsweise die Umsetzung der inklusiven Bildung mehr als eine Generation von Lehrern und Eltern in Atem hält, sollten wir uns daran erinnern: Der zutiefst humanistische Ansatz von Inklusion ist richtig. Oder wenn Vielfalt anstrengend wird und Integrationsprogramme viel Aufwand bedeuten, dann sollte Toleranz – soweit sie durch unsere Verfassung gedeckt ist – weit über die Lutherdekade hinaus unser Leitgedanke sein. (…)

Stark macht uns die Erkenntnis, dass wir es sind, die diese Welt verändern können.


(Quelle: Essay von Joachim Gauck in chrismon spezial zum Reformationstag 2013 mit freundlicher Genehmigung des Bundespräsidialamtes und CHRISMON, Das evangelische Magazin)